Kategorie: Praxisgründung

8. Vision & Strategie – Teil 2

Muschel im Spiegelbild Praxisführung

Morgens die Praxistür aufschließen und warten, was passiert? Eine Homepage erstellen, neue Mitarbeiter einstellen oder entlassen, Geräte kaufen und auf mehr Umsatz hoffen, ein neues Labor? Wie führe ich mein kleines mittelständisches Unternehmen Zahnarztpraxis?

Jeder Mensch ist Mittelpunkt seiner Welt

Die Vision ist das langfristig ausgerichtete Ziel, für die tagtägliche Umsetzung benötigen wir ein anderes Instrument, eine gelebte Unternehmerphilosophie. Sie ist Maßstab und Grundlage für unser Handeln im Unternehmen, wir bezeichnen sie als Identität des Unternehmens. Mit unserer Philosophie stellen wir konsequent den Menschen in den Mittelpunkt unseres Tuns. Damit dies keine leere Worthülse bleibt, haben wir für die Philosophie entsprechende Verhaltensnormen definiert. So arbeiten wir hier.

Warum ausgerechnet diese Philosophie? Mir und meinem Team fällt es leicht, Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Uns interessieren Menschen. Wir wollen wissen, was andere tun, und wollen sie verstehen. Wir sind neugierig darauf, was andere denken. Wir arbeiten mit Herz und Verstand, we love and serve all, unabhängig von Aussehen, Status, Nationalität, Geschlecht. Wir sind neugierig auf alles Neue, Fremde, andere Kulturen. Wir finden, dass jeder Mensch das Recht auf eine eigene Identität hat. Wir lieben die Vielfalt.

Eine Philosophie muss so einfach formuliert sein, dass sie jeder, wirklich jeder, versteht, sie muss mit einem Satz zu erklären sein. Wenn ich eine Mitarbeiterin mitten in der Nacht anrufe und frage:“Wie lautet unsere Philosophie?“, muss es wie aus der Pistole geschossen heißen: “Bei uns stehen die Menschen im Mittelpunkt unseres Tuns“ (Keine Sorge, ich rufe sie nicht mitten in der Nacht an).

Die Philosophie muss überall lesbar, sichtbar und sie muss glaubhaft sein. Wir haben sie unseren Patienten, Kunden, unseren Partnern und Lieferanten nicht nur mitgeteilt, sondern auch mit ihnen besprochen. Jeder, der mit uns zu tun hat, sollte unsere Philosophie nicht nur kennen, sondern uns ebenfalls unterstützen, sie tagtäglich zu leben.

Durch die Philosophie entsteht gelebte Kultur, Unternehmenskultur, Corporate Culture.

In unserer Praxis ist dies die Praxiskultur. In 7 Kerngedanken bringen wir zum Ausdruck, nach welchen Werten, Prioritäten und Vorstellungen wir in unserem Unternehmen leben. Die Praxiskultur ist Richtschnur für alle Mitarbeiter zum langfristigen zielorientierten Denken und Handeln. Alle drei Jahre überarbeiten wir die Praxiskultur. Wertvorstellungen können sich ändern, besonders die jüngere Generation hat eigene Prioritäten, und darauf müssen wir eingehen und uns anpassen.

Grünes Licht für den Ethik-Kodex

Welche Werte will ich in meinem Unternehmen leben? Welche Werte haben für mich die größte Bedeutung, welche Werte sind für mich unverzichtbar? Werte sind das Ideal. Ich habe lange darüber nachgedacht und für meine Praxis einen Ethik-Kodex formuliert. Grundlage ist hierbei eine philosophische Ethik, die beinhaltet, dass jeder Mensch Mittelpunkt seiner Welt ist. Unser Ziel ist es, dem Menschen in seiner Ganzheit von Körper-Seele-Geist zu dienen. Unter Ethik verstehe ich dabei ganz konkret Achtung vor der Individualität eines jeden Menschen, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit, echtes freundliches bis freundschaftliches Verhalten, Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Geborgenheit, Harmonie. Diese Werte sind für mich täglicher Maßstab, um mein Unternehmen erfolgreich zu führen. Werteverwirklichung ist Sinnerfüllung. Professor Victor Frankl sagte: „Wer Menschen motivieren will und Leistung fordert, muss Sinnmöglichkeit bieten.“ Ich sehe Arbeit als beste Möglichkeit zur Sinnverwirklichung.

Die Amerikaner bezeichnen dies als Happiness. Damit ist auch die Leichtigkeit und Lebensfreude des jeweiligen Augenblicks einbezogen. Keine Rede von Stress und Frustration. Es ist die Chance, Einzigartigkeit und Einmaligkeit für andere oder mit anderen zum Ausdruck zu bringen. Mein Motiv für die eigene Arbeit ist Sinnerfüllung. Mein Motiv für die eigene Arbeit ist Flow. Flow ist ein Zustand, in dem sich Menschen befinden, die gänzlich in einer Beschäftigung aufgehen. Entgegen vieler Erwartungen erreichen wir diesen Zustand, diese nahezu euphorische Stimmung, nicht beim Nichtstun, sondern wenn wir uns intensiv mit einer schwierigen Aufgabe beschäftigen. Dies beweisen die Untersuchungen des amerikanischen Glücksforschers und Wirtschaftspsychologen Csikszentmihalyi, der als Erster das Flow-Phänomen beschrieben hat.

Der Ethik-Kodex ist unser inneres Kapital und damit er kein Begriff wie eine hohle Nuss ist, muss er auf der geistig seelischen Ebene gelebt werden, tagtäglich.

Wir wissen zwar nicht, was wir tun, aber das mit aller Kraft

Unternehmensführung war selten Studieninhalt, darüber gab es kaum Vorlesungen. Während der Assistenzzeit floßen die Informationen nur spärlich. Ganzheitliche Unternehmensführung, Kernprobleme identifizieren, konsequente Praxisplanung, Lebensplanung? Es ist wie ein Haus zu bauen, ohne genau zu wissen, auf wie vielen Säulen es stehen muss, um ein stabiles Fundament zu haben.

Ein kleiner Exkurs über Engpässe

Der Begriff Engpass stammt von dem Gießener Apotheker Justus Liebig (1803 – 1873). Er entdeckte etwas wahrhaft –revolutionäres – das sogenannte Minimumgesetz. Liebig fand heraus, dass jede Pflanze neben Wasser, Sonne und Erde vier Wachstumsstoffe benötigt: Stickstoff, Kalk, Kali und Phosphorsäure. Fehlt nur ein einziger dieser Faktoren verkümmert die Pflanze, selbst wenn alle anderen Faktoren im Übermaß vorhanden sind. Solange es nicht gelingt, den fehlenden Faktor zu finden und zu beschaffen, entwickelt sich die Pflanze nicht weiter. Er stellte auch den Vergleich mit einem Fass an und sagte: „Ein Fass fasst so viel wie die kürzeste Daube.“

Der Vergleich zur Unternehmensführung ist offensichtlich. Fehlt nur eine Komponente, der für ein Unternehmen notwendigen Eigenschaften, dann stockt das Wachstum im Unternehmen. Dieser Mangel (der Engpass) muss behoben werden. Wachstum kann nur dann weitergehen, wenn das Kernproblem gelöst, der Engpass identifiziert und beschafft wird. Die Frage ist, ob ich mich nur an der Oberfläche bewege, nur an den Symptomen herum kuriere oder ob ich permanent optimiere, weil der Engpass ein permanent wechselnder sein kann.

Wir brauchen ein neues Image (da lassen wir uns ein Logo gestalten)-wir brauchen mehr Patienten (da stellen wir mal jeden Montag frische Blumensträuße in die Praxis)-wir brauchen mehr Umsatz (da kaufen wir mal einen Laser) …aber so läuft es nicht!

Wenn nur fünf Prozent aller mittelständischen Unternehmen strategische –zielgerichtete – Planung durchführen, dann frage ich Sie: Würden Sie mit Begeisterung in einem Unternehmen arbeiten, in dem keine Zielklarheit herrscht, mit einem Chef, der seine Führungsaufgaben nicht wahrnimmt?

Für mich ist ein Unternehmen wie ein lebendiger Organismus. So wie der Mensch auf kein Organ verzichten kann, so ist es auch in (m)einem Unternehmen. Ich weiß, wenn ich einen Bereich vernachlässige, wird das Unternehmen zunächst kränkeln, dann wird es ernsthaft krank, muss vielleicht in die Notaufnahme, Intensivstation, und eines Tages stellt sich die Frage: “Ist der Patient noch zu retten?“

Wehe, wenn wir diesen Zustand – den Panik-Pegel-Wert – erreichen und es gar nicht merken…dann kann uns auch kein Arzt mehr helfen. Es gibt im Unternehmen und im Privatleben keinen Bereich, den wir vernachlässigen können.

Achten Sie auf die Strategie!

Darum geht es in diesem Beitrag: Unternehmensphilosophie, Werte, Ethik, Praxisführung, Strategie, Engpass


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