Kategorie: Angstmanagement

6. Angstmanagement – Teil 6 – Angst

Angstmanagement Teil 6 - die AngstAngst

… ist (nach Riemann 1994) ein ganz normaler Gefühlszustand, der wie Ärger, Verzweiflung, Eifersucht und Traurigkeit zu unserem Leben gehört. Sie ist ein Gefühl, das alle Menschen kennen, eine Alarmreaktion des Körpers, die Kräfte mobilisiert, um im entscheidenden Augenblick schnell zu handeln.

Jeder Entwicklungs- und Reifungsschritt ist zwangsläufig mit Angst verbunden, weil er zur Konfrontation mit Neuem, noch Unbekanntem führt (Jöhren und Sartory 2002). So gesehen ist Angst sinnvoll, sie ermöglicht dem Individuum, sich in unbekannten Situationen zu orientieren, zu fliehen und sich damit zu schützen. Ohne Angst könnten wir nicht überleben.

Es gibt Ängste, die mehr Nachteile als Vorteile mit sich bringen, leistungsbeeinträchtigend wirken und die Lebensqualität verschlechtern. Tritt Angst in Situationen auf, die an sich ungefährlich sind, kann sie zu einem Vermeidungsverhalten führen, das mit übermächtigen körperlichen Symptomen einhergeht. Angst kann den Handlungsspielraum eines Individuums so stark einschränken, dass sie das Leben in negativer Weise bestimmt. Es entsteht ein Teufelskreis aus Befürchtungen und Vermutungen, die Angst vor der Angst.

Angst muss immer dann als krankhaft gelten (Wittchen 1993), wenn:

  • sie im Vergleich zum Angst auslösenden Stimulus unangemessen stark ist
  • sie zu häufig und zu lange auftritt
  • der oder die Betroffene die Kontrolle verliert
  • er oder sie Angstsituationen vermeiden muss
  • er oder sie stark unter der Angst leidet

Einfache Phobie

Bei der einfachen Phobie kann – wie bei der Entstehung aller anderen Angststörungen – der Übergang von der normalen zur pathologischen Angst fließend sein. Die Diagnose muss sorgfältig gestellt werden, da bei klassischen Phobien Objekte, Tiere oder Situationen als Stimulus fungieren, vor denen sich auch „normal Ängstliche“ fürchten bzw. ängstigen (Spinnen, Zahnbehandlung etc.). Erkrankte Personen, die mit dem phobischen Stimulus konfrontiert werden, reagieren in der Regel mit Panik (Jöhren und Gängler 1999a).

Man unterscheidet bei der einfachen Phobie

  • die Agoraphobie (Angst vor öffentlichen Plätzen),
  • die spezifische Phobie (z.B. Zahnbehandlung, Spinnen etc) und
  • die soziale Phobie (Angst vor sozialen Situationen).

Wovor haben Menschen Angst?

Ganz allgemein fürchten Menschen sich vor allem, was sie nicht ganz oder nur teilweise unter Kontrolle haben. Eine Untersuchung von Malamed (1993) ergab, dass an erster Stelle der Angst verursachenden Situationen und Objekte die Angst vor öffentlichen Reden (27%) steht, gefolgt von Zahnbehandlungsangst (21%), Angst vor Höhe (20%), vor Tieren (12%), vor Flugreisen (9%) und anderen Stimuli (11%).

Nach der Internationalen Classification of Diseases (ICD-10, F 40.2) müssen für eine eindeutige Diagnosestellung einer spezifischen Phobie alle folgenden Kriterien erfüllt sein:

  1. „Die psychischen oder vegetativen Symptome müssen primäre Manifestationen der Angst sein und nicht auf anderen Symptomen wie Wahn oder Zwangsgedanken beruhen.
  2. Die Angst muss auf die Anwesenheit eines bestimmten phobischen Objektes oder einer spezifischen Situation begrenzt sein.
  3. Die phobische Situation wird – wann immer möglich – vermieden“ (Dilling et al. 2000).

Spezifische Phobien entstehen nach Öst (1987) in den ersten beiden Lebensdekaden. Die Zahnbehandlungsphobie beginnt durchschnittlich mit 12 Jahren. Tierphobie tritt im jüngsten Alter auf (7 Jahre), gefolgt von der Blutphobie (9Jahre), Sozialphobie (16 Jahre), Klaustrophobie (20 Jahre) und Agoraphobie (28 Jahre).

In einer Studie von Locker et al. (1999) zum Alter des Ausbruchs der Angst vor der Zahnbehandlung hatten 1420 Testpersonen, die den Fragebogen beantworteten, 16,4% Angst vor der Zahnbehandlung. Bei der Hälfte (50,9%) war der Zeitpunkt des Ausbruchs die Kindheit, bei 22% die Jugend und bei 27,1% das Erwachsenenalter.

Angststörungen sind in allen Ausprägungen in der Allgemeinbevölkerung vorhanden. Die Angststörung, auch Angsterkrankung genannt, ist damit die häufigste Form psychischer Erkrankungen

ZAHNBEHANDLUNGSANGST

Als Zahnbehandlungsangst bezeichnet man alle psychologischen und physiologischen Ausprägungen eines nicht krankhaften Angstgefühls, das sich gegen die Zahnbehandlung oder den mit ihr verbundenen Auslösern richtet (Jöhren und Markgraf-Stiksrud 2002).

Fälschlich wird die Zahnbehandlungsangst auch häufig als „Zahnarztangst“ bezeichnet. Der Zahnarzt ist jedoch nur einer von vielen Stimuli, vor denen die Betroffenen Angst haben können.

Von der Zahnbehandlungsangst ist die krankhafte Zahnbehandlungsphobie abzugrenzen, bei der der Übergang von der normalen zur pathologischen Angst fließend ist. Die Zahnbehandlungsphobie ist nach dem diagnostischen und statistischen Manual psychischer Störungen (Diagnostic and Statistical Manual IV, American Psychiatric Association, APA, 1994) eine Angsterkrankung, die zu den spezifischen Phobien zu rechnen ist. Spezifische Phobien haben nach dem DSM IV folgende Kriterien gemeinsam:

  • Es besteht eine anhaltende Erwartungsangst vor dem umschriebenen Stimulus, also vor allem, was die Angst auslöst. Das kann zum Beispiel das Betreten einer Zahnarztpraxis sein oder die Schmerzerwartung vor einer Zahnbehandlung.
  • Irgendwann im Verlauf einer Störung ruft eine Konfrontation mit dem spezifischen Stimulus fast unvermeidbar eine sofortige Angstreaktion hervor.
  • Der Angst auslösende Stimulus wird vermieden.
  • Der alltägliche Tagesablauf wird durch die Angst bzw. durch die Vermeidungshaltung stark beeinträchtigt.
  • Die erkrankte Person erkennt, dass die Angst übertrieben oder unvernünftig ist, kann aus eigener Kraft aber nichts dagegen unternehmen.

Die Diagnose Zahnbehandlungsphobie ergibt sich aus einem Angstscore von über 38 (HAF) bei gleichzeitiger anamnestischer Vermeidung der Zahnbehandlung über mehr als zwei Jahre.

Darum geht es in diesem Beitrag: Angst, Angststörung, Angsterkrankung, einfache Phobie, spezifische Phobie, soziale Phobie, Zahnbehandlungsangst, Zahnbehandlungsphobie


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