Künstlicher Zahn

Vor welcher Zahnbehandlung haben Menschen die größte Angst?

Als Praktiker wollen und müssen wir dies wissen, um unsere Patienten optimal betreuen zu können. Obwohl es eine große Übereinstimmung über die relative Stressauslösung verschiedener Behandlungsmaßnahmen gibt, bestehen doch Unterschiede bezüglich der Furcht, die jede einzelne Behandlungsmaßnahme auslöst.

In einer Untersuchung aus den Niederlanden schätzten Psychologiestudenten der Universität Amsterdam die Situationen beim Zahnarzt ein, vor denen sie die größte Angst hatten (Ratings of Fears with Twelve Dental Situations). Die drei größten furchterregenden Situationen:

„Der Zahnarzt bohrt in den Zähnen“

„Der Zahnarzt sagt dir, dass du schlechte Zähne hast“

„Der Zahnarzt gibt dir eine Spritze“.

In einer anderen Untersuchung (Meller 1992) rief eine Zahnbehandlung größte Angst hervor, wenn sie in Erwartung eines Bohrers oder einer lokalen Betäubungsspritze war.

„Bohren, eine Spritze bekommen und einen Zahn ziehen, gehören zu den von den Patienten am meisten gefürchteten Ereignissen bei der Zahnbehandlung (Berggren und Meynert 1984).

Es ist wichtig, standardisierte Methoden zur Erfassung der Angst einzusetzen, die eine objektive Beurteilung der Ängstlichkeit des Individiuums ermöglichen. Denn nur, was man messen kann, kann man auch in den Griff bekommen.

Zum Beispiel zeigte sich, dass der Hierarchische Angstfragebogen (HAF, Jöhren 1999) (siehe Beitrag „Angstmanagement – Teil 2“) neben der Erwartungsangst auch Hinweise zur spezifischen Angst vor dem Bohrer, vor der Extraktion und zur Spritzenphobie geben kann.

Wir haben bei unserer Umfrage in der Bochumer Fußgängerzone zum Beispiel erfasst, dass bei der Vorstellung der an sich „harmlosen“ Zahnsteinentfernung nur 34% der Befragten entspannt sind. Immerhin zwei Drittel der Befragten sind „unruhig“ bis „krank vor Angst“.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Untersuchung aus London in der 9% der 419 Befragten Angestellten starke Angst vor der Politur und der Zahnsteinentfernung (Scaling) hatten. Aus den Niederlanden gibt es eine Untersuchung die bestätigt, dass die Angst vor der Zahnbehandlung oder der Behandlung durch eine Dentalhygienikerin ungefähr gleich ist. Manche Patienten haben sogar nach der Behandlung mehr Angst vor der Dentalhygienikerin (33,7%) als vor dem Zahnarzt (22,1%). Auch bei den dentalhygienischen Maßnahmen besteht die größte Angst vor Schmerzen, dem Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins, selbst die Geräusche der Instrumente spielen eine Rolle.

Diese Ergebnisse zeigen, dass die im Praxisalltag als geringfügig anzusehende Behandlungsmaßnahme des Zahnsteinentfernens oder der professionellen Zahnreinigung für den Patienten nicht so harmlos ist, wie es scheint. Wenn man zusätzlich bedenkt, dass das ein Eingriff ist, der überwiegend an das zahnärztliche Fachpersonal delegiert wird, ist deutlich geworden, dass dies nur mit äußerster Sorgfaltspflicht geschehen kann. Die Maßnahmen des Praxispersonals sind bezüglich ihrer Sensibilität einer ständigen Kontrolle zu unterziehen, vor allem wenn neue Mitarbeiter eingestellt werden.

Eine präventive Orientierung bei einem Zahnarztbesuch kann dazu beitragen, das Angstausmaß zu reduzieren, vor allem wenn die Patienten die Erfahrung machen, dass die frühzeitige und regelmäßige Inanspruchnahme zahnärztlicher Dienste insbesondere der modernen Präventivzahnheilkunde Angst auslösende Behandlungsmaßnahmen vermeidet. Prophylaxe ist eine der tragenden Säulen zur Verringerung der Zahnbehandlungsangst.

Bohrerfreie Zone

So haben wir beispielsweise in 2004 durch unseren Umzug die Möglichkeit erhalten eine eigene Prophylaxeabteilung – die bohrerfreie Zone – einzurichten, um unseren (Angst-) Patienten die absolute Sicherheit zu geben, dass dort garantiert nicht gebohrt wird. Eine entspannte Atmosphäre drückten wir durch die spezifische Farbgestaltung aus, es gibt nur einen Assistenzstuhl für die zahnärztliche Prophylaxemitarbeiterin, die in dem in frischem Ambiente gehaltenen Raum auch eine andere Kleidung trägt als das übrige Praxisteam. In diesem Prophylaxebereich wird mit einem eigenen Termin- und Recallsystem gearbeitet, so dass auch eine organisatorische Trennung vom übrigen Praxisbetrieb gewährleistet ist.

Diese Trennung des Behandlungs- und Prophylaxebereichs wurde von unseren Patienten in mehr als 10 Jahren ausdrücklich begrüßt. In den neuen Räumen haben wir durch die freie Gestaltung der Flächen dieses Konzept weiterentwickelt und insbesondere an die aktuellen Wünsche unserer Patienten angepasst. Um eine möglichst angstmindernde Atmosphäre zu schaffen, kam es nicht nur auf die richtige Akustik, die Lichtverhältnisse und ein angenehmes Raumklima an, sondern auch auf den Einsatz von Farben und Düften. Denken Sie Design, aber egal wie und was Sie planen, im Mittelpunkt jeder Betrachtung muss der Mensch stehen.

PDF Download Checkliste – Angstpatient in der Prophylaxe (PDF-Download)

Darum geht es in diesem Beitrag: Zahnbehandlungsangst, Angstfragebögen, Präventivzahnheilkunde, professionelle Zahnreinigung, Prophylaxe, Spritzenphobie, Bohrer, Extraktionen


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4 Kommentare

  1. Wie jedes Kind hatte ich große Angst vor den Zahnärzten. Dass es heutzutage Prophylaxeabteilungen mit bohrerfreien Zonen gibt, finde ich total super. Wenn man weiß, dass beim Zahnarzt nicht gebohrt wird, kann man sich schon irgendwie lockerer fühlen.

  2. Deine Blog-Serie über Angst ist schön. Zum Thema Angst und Schmerz-Empfinden. Gestern habe ich gelesen, dass die meisten Menschen etwas als schmerzhafter empfinden, wenn im Voraus erzählt wird, dass es Schmerzhaft sein wird. Ich glaube aber wenn man beim Zahnarzt genug Schmerzmittel beim für danach und unter Vollnarkose steht, dass man vielleicht keine Angst hat??

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