20. März 2017 Angstmgmt.

Angstmanagement – Teil 8

ZahnbürsteGründe für die Zahnbehandlungsangst

Nach den Gründen für ihre Angst vor der Zahnbehandlung gefragt, gaben über 60% der 600 Befragten in unserer Umfrage an, dass sie bereits früher während der Zahnbehandlung traumatisiert worden seien.

In einer Untersuchung (Vassend 1993) aus Norwegen „bezeichnete eine relativ hohe Anzahl der Befragten Zahnbehandlungen als unangenehm oder schmerzvoll. Zwischen 20 und 30% stuften ihren letzten Besuch als mäßig schmerzvoll oder schlimmer ein, ca. 60% gaben an, mindestens eine schmerzvolle Erfahrung gemacht zu haben und 5-6% empfanden Zahnbehandlungen erfahrungsgemäß als sehr schmerzvoll.“ In England gaben 84% der Befragten an, dass sie zumindest manchmal plötzlich Schmerzen beim Zahnarzt erwarten und sehr nervös bei oralen Spritzen waren (28%) (Lindsay et al 1987).

An zweiter Stelle unserer Befragung rangiert die Angst vor Spritzen mit 30% und – überraschend mit 20% (Passanten) und 14% (Praxis) – die durch eine kieferorthopädische Behandlung verursachte Angst. In einer Untersuchung von Klepac et al. gaben 775 der Befragten an, dass sie während der Zahnbehandlung Schmerzen verspürt hätten. Klepac et al. wies außerdem nach, dass Patienten mit Angst vor der Zahnbehandlung schmerzempfindlicher sind als furchtlose Patienten. Besonders Patienten mit krankhafter Angst gaben in dieser Untersuchung häufig traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit an. Somit hat die Untersuchung bestätigt, dass die häufigste Ursache für die Entwicklung der Zahnbehandlungsangst bzw. –phobie traumatische Erlebnisse während der Zahnbehandlung sind. „Es gibt viele gefürchtete Erfahrungen einschließlich die häufigste: Schmerzen während der Zahnbehandlung“ (Lindsay und Jackson 1993).

„Zahnbehandlungsangst beginnt meistens in der Kindheit (85,3%) und die dominierenden Hauptverursacher waren vorherige traumatische Erfahrungen bei der Zahnbehandlung“ (Berggren und Meynert 1984) Immerhin 45,25 gaben einen groben Zahnarzt in der Kindheit an.

Schmerzen sind der Hauptgrund für die Entstehung von Ängsten vor der Zahnbehandlung. Menschen mit Zahnbehandlungsangst befinden sich in einer Situation, die von Merton (1995) als „self-fullfilling prophecy“ (sich selbst erfüllende Prophezeiung) gekennzeichnet wurde oder, wie es der Soziologe Prof. W.I. Thomas an gleicher Stelle formuliert: „Wenn Menschen Situationen als real definieren, so haben sie reale Konsequenzen.“ Auf den zahnärztlichen Bereich übertragen bedeutet dies, dass die subjektive Situationsdefinition über die Art der zahnärztlichen Behandlung die objektiven Bedingungen für Erfahrungen, die zur Verstärkung der Angst führen (verspätete Behandlung), schafft.

Aber auch die anhaltende Unsicherheit, verursacht durch erlebte Schmerzerfahrung, ob während der Behandlung Schmerzen auftreten werden, kann zu einer Erwartungsangst unterschiedlicher Ausprägung führen. „Ein Überraschungsangriff oder das Erzählen der Unwahrheit über die anstehende Therapie wird von allen Angstpatienten als Vertrauensbruch gewertet (Jöhren et al.2000). So berichtet Wardle (1982), dass in ihren Untersuchungen die meisten Probanden in irgendeiner Form Schmerzen während der zahnärztlichen Therapie erwarteten, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass Schmerzen auftreten würden, sehr gering war. „Signifikant weniger angstfreie als ängstliche Patienten erwarten überhaupt Schmerzen“ (Berggren und Meynert 1984).

Was macht in der Zahnarztpraxis Angst?

So individuell wie jeder Mensch ist, so individuell sind die Ängste. Die Angst vor dem Zahnarzt gibt es nicht, sondern ausgehend von den Erfahrungen der Vergangenheit entwickeln sich bei jedem Betroffenen unterschiedliche Ängste.

In einer 2009 durchgeführten bundesweiten repräsentativen Befragung von 1000 Personen im Auftrag der DEVK-Versicherung wurde nach den Zahnarzteingriffen gefragt, die besonders gefürchtet sind. Wurzelkanalbehandlungen rufen dabei die größte Angst hervor.

Weitere Top-Ängste sind Zahnziehen und Bohren. In einer anderen Untersuchung waren die drei größten furchterregenden Situationen: „Der Zahnarzt bohrt in den Zähnen“, „Der Zahnarzt sagt dir, dass du schlechte Zähne hast“, „Der Zahnarzt gibt dir eine Spritze“.

In unserer Umfrage in der Bochumer Fußgängerzone waren der Hauptgrund für die Entstehung der Zahnbehandlungsangst bei 67,2% der befragten (202 Personen) ein oder mehrere traumatische Erlebnisse während der Zahnbehandlung. An zweiter Stelle stand mit großem Abstand 35% (105 Personen) die Angst vor Spritzen.

Ein Grund, warum Menschen den Zahnarztbesuch vermeiden, könnte eine Sonderform der spezifischen Phobie sein, die Blut-/Spritzen-/Verletzungsphobie, bei der die Furchtreaktion nicht auf Zahnbehandlungen begrenzt ist. Menschen, mit einer solchen Phobie können es nicht mit ansehen, wenn sie selbst oder jemand anders eine Spritze bekommt. Dem eigenen Wunsch nach einer schmerzfreien Behandlung steht die Angst vor der Injektion entgegen.

Für den Praxisalltag:

Da gerade eine schmerzhafte Behandlung den Hauptgrund für die Entstehung einer Phobie darstellt, ist es an dieser Stelle wichtig, darauf hinzuweisen, dass eine Behandlung beim Zahnarzt immer schmerzfrei sein sollte. Viele Phobiker suchen immer nur die Notaufnahme auf und machen dort schmerzhafte Erfahrungen, weil das Lokalanästhetikum aufgrund der Entzündung nicht ausreichend wirkt oder der behandelnde Zahnarzt im Notdienst nicht die Zeit aufbringen kann, die er unter normalen Praxisbedingungen sicher investieren würde. Hochpotente Lokalanästhetika wie Articain in Verbindung mit einem Vasokonstriktor sind in der Lage, eine sichere Schmerzausschaltung zu gewährleisten. Im Falle einer Entzündung muss der kausalen Therapie jedoch häufig eine symptomatische Therapie vorausgehen. Allgemein gilt es, die Forderung von Schulte (1977) zu verankern. Die Assoziation „Zahnarzt = Schmerzerlebnis“ muss durch die Assoziation Zahnarzt = Spritze = schmerzlose Behandlung“ ersetzt werden. Langsames Injizieren und kein Einstich ohne Oberflächenanästhesie!

Tipp: Zur Qualitätskontrolle der eigenen Injektionstechnik kann der Behandler den Patienten einfach fragen: „Wenn Sie von einer Skala von 1 bis 10 ausgehen – wobei 10 „sehr schmerzhaft“ und 1 „fast gar nicht schmerzhaft“ bedeutet -, wie schmerzhaft war dann die Injektion für Sie?“

Zur differenzierten Wahl des Lokalanästhetikums wurde die Kitteltaschen-Karte verfasst. Sie finden die Tabelle in der Rubrik „Aufgespürt“.

Zusätzlich ist es für den Patienten sehr hilfreich, ein Signal zu Beginn der Injektion zu erhalten und ihre Dauer zu kennen. Der Behandelnde kann sagen: “Ich werde bis zehn zählen und injizieren, und bei zehn bin ich fertig.“

Besondere Sorgfaltspflicht bezüglich der Schmerzausschaltung ist bei einer Wurzelkanalbehandlung mit akut entzündlicher Pulpa zu berücksichtigen. Eine Pilotstudie von Wallace et al. (1985) bestätigt, dass es trotz der lokalen Anästhesie bei einer Wurzelkanalbehandlung mit geschädigtem Nerv zu Schmerzen kommen kann.

Darum geht es in diesem Beitrag: Gründe für die Zahnbehandlungsangst, traumatische Erlebnisse während der Zahnbehandlung, Schmerzhafte Behandlung, Lokalanästhesie, Injektionstechniken

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